Gesellschaftskritik

Gesellschaftskritik ist die kleine Schule der Weltverschwörungs-Forschung. Ich habe das Fach Soziologie – oder besser gesagft Gesellschaftswissenschaft – einst gezielt studiert, weil ich „die Gesellschaft kritisieren“ wollte. Das sagen nicht viele Menschen so direkt. Damals wusste ich noch nichts von den großen Verschwörungstheorien und der Weltverschwörung, aber als ich später davon erfuhr, erkannte ich, wie eines auf dem anderen aufbaute. Soziologen können bereits große Gesellschaftskritiker sein und sie wissen vieles über die Gesellschaft, was der Normalbürger nicht weiß. Aber verglichen mit der großen Verschwörungs-Forschung ist das Wissen der soziologischen Gesellschaftskritiker Grundschul-Wissen. Umgekehrt fällt mir aber auch auf, wie ich als Gesellschaftswissenschaftler der „kleinen Gesellschaftskritik“ noch viele Perspektiven auf unsere Gesellschaftsstruktur und die „geheimen Gesetze der Gesellschaft“ kenne, welche die klassischen Verschwörungsforscher sich nicht ganz so bewusst sind.

Mit Gesellschaftskririk und auch mit Gedankengut der Kriminalistik und Justiz hatte ich schon zur Schulzeit viel zu tun, weil ich mit reichlich Ungerechtigkeiten des Schulsystems zu tun hatte, sowohl des offiziellen Systems mit seinen geschriebenen Gesetzen als auch mit seinen ungeschriebenen Gesetzen in den Kreisen der Schüler.

Mein Deutsch-Lehrer machte lieber Gesellschaftskritik, statt Deutsch zu unterrichten. Er erzählte vieles, was ein Lehrer eigentlich nicht erzählen sollte. Das war zwar alles kein klassisches Gedankengut der Verschwörungsforschung, aber alles provokant und brisant genug, um das keinen jugendlichen Schülern zu erzählen. Politisch Korrekten und schöngeistigen Bildungsbürgern hätte das alles nicht gepasst. Und ich hörte meinem Deutsch-Lehrer gerne zu und fragte mich, ob man das, was er machte, auch beruflich machen könne. Und so suchte ich nach der Schule in den langen Listen der Studienfächer und fand so das Fach Soziologie, dessen Beschreibung „meinem Fach“ der Gesellschaftskritik noch am nächsten kam. Wie gesagt, ich wollte Gesellschaftskritiker werden und die Gesellschaft kritisieren. Fast könnte man sagen, ich wollte Verschwörungstheoretiker werden, denn Verschwörungstheoretiker, die sich selbst Verschwörungsforscher oder Wahrheitsucher nennen, sind im Grunde auch Gesellschaftskritiker.

An meinem Studienort gab es übrigens die Sorge, man würde das Institut schließen und langfristig auch deutschlandweit das Fach Soziologie durch Entzug der Gelder streichen, weil dieses gesellschaftskritische Fach den Eliten, den Reichen und Mächtigen, im Weg steht. Vielleicht hat man diesen Weg auch angedacht, doch nach meinem Eindruck geht man nun vielmehr den Weg, das Fach Soziologie von innen heraus zu entschärfen, indem man das einst systemkrtitusche, systemanalystische und gesellschaftskritische Fach von scharfsinnigen und auch revolutionären Denkern immer mehr verweichlicht und es sogar zu einem teilweise systemfreundlichen Fach umfunktioniert, das dann im einen Zweig tolerante Sozialarbeiter für die Integration von Migranten hervornbringen soll und im anderen Zweig wirtschaftliche Manager, die mit sozialem Soziologen-Wissen die Mitarbeiter-Motivation und das Organisations-System im Unternenehmen verbessern und durch soziale Analysen und Strategien den wirtschaftlichen Profit erhöhen. Aber die „alte Schule“ der Soziologie – mit der man als moderner Student leider nur noch bedingt in Berührung kommt – dreht sich viel um Systemanalyse, Klassenkritik von Armut- und Reichtum, offene und verdeckte Macht in der Gesellschaft. Insgesamt bewegt sich das Fach Soziologie im Dreieck von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.