Namensforschung und Ahnenforschung: Der Familienname Gryschka (Bedeutung)

Mein Nachname ist Scholonek, aber meine Mutter hieß mit Nachnamen Gryschka. Den Namen Scholonek habe ich bereits untersucht, nun versuche ich es mal mit dem anderen Namen. Während der Name Scholonek noch an der Grenze des Deutschen liegt, klingt der Name Gryschka überhaupt nicht mehr deutsch, sondern vielmehr polnisch-russisch-slawisch. Und er sagt mir überhaupt nichts. Aber wie beim Namen Scholonek gehe ich logisch vor: Zunächst muss man den Familiennamen Gryschka in die Silben zerlegen:

Grysch-ka, oder: Gry-schka.

Und die Endung eines Familiennamens zeigt oft so etwas wie die berufliche oder regionale Herkunft an und ist manchmal zugleich eine Verkleinerungsform. So gesehen mag dieses Suffix -ka oder -schka entweder so etwas wie „Mann“ oder so etwas wie „Männchen“ bedeuten – wobei das -schka derart weiblich klingt, dass ich eher zu weiblichen Formen tendiere.

Wie beim Familiennamen „Scholonek“ („Scholon-ek“) habe ich auch beim Namen Gryschka zuerst gezielt nach der Endung -ka oder -schka gesucht und gehofft, dass Google meine Analysen bestätigt und präzisiert. Ich hatte wieder recht. In Wikipedia steht zum Stichwort „Diminutive“ unter den Abschnitt „Slawische Sprachen“:

„In den slawischen Sprachen werden häufig zwei sich steigernde Formen des Diminutivs verwendet, z. B. im Tschechischen: strom „Baum“ → stromek „Bäumchen“ → stromeček „kleines Bäumchen“. (Nachtrag des Verfassers: genau so ist es bei „Scholon-ek“)

Im Russischen ist die typische Endung des Diminutivs ein -a oft erweitert -ka -ja -schka wzB. bei Baba (Alte Frau, Großmutter) die zur Babuschka (Großmütterchen, Oma) wird.“

Exakt so habe ich mir das beim Nachnamen „Gryschka“ vorgestellt. Zugleich legt der Artikel nahe, dass der Name „Gryschka“ russische Wurzeln hat. Meine Eltern und Urgroßeltern von Mutterseite sind aber geborene Deutsche.

Weiterhin fand ich in einem Internetforum (forum.ahnenforschung.net)die Aussage:

„In Russland bekommen Ehefrauen immer noch ein „a“ hinter den Namen den Mannes wie z.B. Michail Gorbatschow seine Frau aber Raissa Gorbatschowa.“

Und noch eine Forum-Aussage:

„Polnische Suffixe. -ska: das -ska – Suffix ist die weibliche Form des männlichen -ski. Ein Ehemann mag Jan Grabowski heißen, seine Ehefrau heißt Marianna Grabowska.“

Genau wie ich sagte: Der Name „Gryschka“ klingt so dermaßen weiblich, dass es seltsam anmutet, wenn dieser Name später aufgrund neuerer, deutscherer Traditionen von der Männerseite weitervererbt wird. Man kann sich vorstellen, wie eine Frau diesen Namen in eine Familie gebracht hat, aber nicht, wie ein Mann dies hat.

In besagtem Forum steht weiterhin, dass dies ganz früher auch in Deutschland so war, wo aus „Müller“ schon mal die Ehefrau zur „Müllerin“ wurde, was logisch erscheint. Weiterhin steht dort, dass viele Länder keine (!) festgefügten Familiennamen haben und es normal sei, dass Frauen dort andere Namensformen führen als ihre Männer. In Deutschland treffen nun aber slawische Traditionen auf deutsche Traditionen und so kommen dann Männer mit dem seltsamen Nachnamen Gryschka zustande – oder möchte ein deutscher Herr gerne „Herr Müllerin“ oder „Herr Fischerin“ genannt werden? Plötzlich wurde für den Sohn der Muttername zum Stammnamen, dabei war es vermutlich ein Fehler und ein sprachlich versierter Herr hätte beim Amt gesagt, dass er „Gryschki“, „Gryschker“ oder „Gryscher“ oder dergleichen heißt (oder was immer eine männliche Silbe ist).

Nun, weiter geht’s. Wir wissen nun schon einiges über das -ka beim Familiennamen Gryschka. Schauen wir nun, was das „Gry“ oder „Grysch“ bedeuten kann. Meine spontane Assoziation als Deutscher wäre „Grieche“. Doch im Grunde sagt mir dieses Wort absolut nichts und ich kann weder Polnisch noch Russisch. Gehen wir also mal nicht von einer Verpolnischung des deutschen Wortes „Grieche“ aus (der Unkundige würde vielleicht mal „Griche“ oder „Gryche“ schreiben), sondern professionalisieren wir das Ganze und gehen von einer polnisch-russischen-slawischen Herkunft aus. Das -ka oder -schka bedeutet dann vermutlich so etwas wie Frau oder Fräulein.

Also suche ich in Google mal nach der Silbe „Gry“. Als Erstes kommt ein Treffer auf www.gry.pl. Mit dem Webtext: „Codziennie nowe gry! Gry akcji, gry przygodowe, gry logiczne, gry wyÅ›cigi, gry dla dziewczyn, gry sportowe, gry multiplayery i wiele innych.“

Das sagt mir erst mal nicht viel, doch offenbar ist „Gry“ den Polen ein Begriff. Ich wähle nun einen Google-Übersetzer, der ergibt: „Gry“ bedeutet „Spiel“. Nun, das wurde selbst MIR klar, denn www.gry.pl führt scheinbar auf eine Online-Game-Plattform und es wimmelt da von „Gry“.

Nun, denken wir mal nach: Spiel + Frau ergibt so etwas wie eine Spielfrau. Eine Gespielin? Eine Geliebte? Oder vielleicht ist es in konservativerer Bedeutung einfach nur eine Bezeichnung für „Ehefrau“? Oder in der gegenteiligen Richtung so etwas wie eine Tänzerin oder eine Frau, die auf andere Weise für Unterhaltung sorgt? Eine solche Interpretation glaube ich aber weniger.

Könnte das „Gry“ zudem noch auf einen (größeren) Ort in der Welt hinweisen? Viele Nachnamen deuten nämlich auf Orte hin und eine Suche bei Google Map ergibt tatsächlich ein Ja. Wenn ich „Gry“ in Google Map eingebe, erhalte ich Hinweise auf: „Gryfice (Polen)“ und „Gryfów Śląski (Polen)“ sowie sowie ferner einige Treffer für Schweden und Norwegen, doch bei der Herkunft meiner Familie sollte man von Polen bzw. Osteuropa ausgehen. Wir erfahren über Wikipedia zudem, dass „Gryfice“ und „Gryfów Śląski“ auf Deutsch „Greifenberg“ bzw. „Greiffenberg“ bedeutet. Gryfice liegt im Nordwesten Polens (Pommern) und „Gryfów Śląski“ im Südwesten Polens (Niederschlesien).

Nun, ob so oder so: Da meine Großeltern mütterlicherseits aus Oberschlesien stammen, dürften ihre Ahnen wohl aus einem „Gry“-Ort stammen. In Wikipedia finde ich in Polen noch die Orte: Grybów (Grünberg) (Südosten Polens) und Gryfino (Greifenhagen) (Nordwesten).

Nun, scheinbar kann man als „Gryschka“ eine Frau aus verschiedenen polnischen Städten sein, die teilweise eine deutsche und teilweise eine polnische Vergangenheit haben. Dies erklärt auch, warum es laut Namenskarten viele Gryschkas in Deutschland gibt, mit denen ich nicht verwandt bin. Gryschka ist nur eine Ortsbezeichnung, so wie man in meiner westfälischen Stadt Hamm von einer „Hammerin“ reden würde. Oder auf Deutsch würde Gryschka „Greifenbergerin“, „Greifenhagenerin“ oder „Grünbergerin“ bedeuten, je nach Herkunftsstadt. Die „Gry“-Städte haben auch oft einen Greifvogel im Wappen. Man kann also davon ausgehen, dass „Gry“ zugleich auch „Greifen“ bedeutet. So gesehen wäre eine „Gryschka“ auch eine „Greiferin“. Da dies aber kaum einen Beruf bezeichnen dürfte, ist „Gryschka“ wohl einfach eine Frauen- oder Kosenamenform für eine Frau (und aufgrund vom Fehlern auch für einen Mann), die aus einer „Grystadt“ wie zum Beispiel „Gryfice“ bzw. Greifenberg kommt.

Wenn ich mir aber die Stadtgeschichten dieser Orte ansehe, so scheinen diese recht deutsch gewesen zu sein und ich frage mich, warum meine Großeltern dann nicht „Greifenberger“ bzw. „Greifenbergerin“ hießen. Entweder war es in diesen ostdeutschen Gegenden schon immer über die Jahrhunderte hinweg üblich, dass sich dort in der Aussprache deutsche und polnische Einflüsse bemerkbar machten (darauf ging ich schon bei meinem Nachnamen Scholonek in einem anderen Artikel ein) oder es gab mal von polnischer Seite die Verpflichtung zur Verfremdsprachlichung – oder viele Menschen mit diesem Namen waren einfach ahnungslos und nannten sich mangels besserer Bildung „Gryschka“, statt zu erkennen, dass sie sich als ursprünglich Deutsche vielmehr „Greifenberg“ oder ähnlich nennen sollten (zu einer Zeit, wo Namen noch nicht so streng amtlich waren wie heute). Dass „Gryschka“ offenbar ein Frauenname ist, haben diese Menschen offenbar auch nicht alle erkannt, sonst hätte sich in der Vergangenheit einiges geändert.

Wie gesagt, wahrscheinlich sind „Gryschkas“ einfach Menschen aus Greifenberg. Doch wie gesagt, können es in einer anderen Deutung auch so etwas wie Spielfrauen sein. Schauen wir uns an, was ein polnisches Wörterbuch uns an Wörtern mit „gry“ noch bietet:

Gryczany (kasza gryczana: Buchweizengrütze)

Gryf (Greif, Griffbrett)

Gryfon (Griffon, ein Hund … nein, das wohl bestimmt nicht)

Gryka (Buchweizen)

Grylaż (Grillage … eine Art Krokant-Torten-Deko)

Grymas (Grimasse)

Grymasić (meckern)

Nun, wie wir sehen, könnte das „Gry“ entweder auf einen Handwerkerberuf (irgendwas mit Greifen) oder – noch wahrscheinlicher – auf einen Beruf aus dem Bereich „Essen“ hinweisen. Vielleicht war eine „Gryschka“ ja so etwas wie eine Torten-Dekorateurin bzw. eine Konditorin / Bäckerin oder eine Art Essensanbieterin – oder man nutzte den Begriff „Greiferin“ mal im Mittelalterlichen für eine Hebamme, so meine freie Überlegung, was auch die weibliche Form erklären würde. Da der Bereich Essen traditionell recht weiblich ist, verwundert es nicht mehr, wenn es speziell „Gryschka“ heißt und es überall im polnischen Ostdeutschland verschiedene Gryschkas gab.

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